18  Sengstaken-Blakemore-Sonde Typ 42 & Typ 53

Erstellt: 20.11.2025
Autoren: T. Jäger | F. Singhartinger | J. Holzinger | K. Emmanuel
Konsentiert: 20.11.2025
Letzte Änderung: 20.11.2025
Zuletzt bearbeitet von: T. Jäger | von Rahden
Version: 2.0.1

18.1 Zweck & Geltungsbereich

Die Sengstaken-Blakemore-Sonde (SBS) ist ein Notfallinstrument zur temporären Ballontamponade bei schwerer Varizenblutung des oberen Gastrointestinaltrakts.

  • Typ 42: für Ösophagusvarizenblutungen.
  • Typ 53 (ehemals Linton-Nachlas): für Fundusvarizenblutungen.

Dieses Kapitel beschreibt die praxisorientierte Anwendung beider Sondentypen als Bridging-Maßnahme bis zur definitiven Therapie (Endoskopie, TIPS, Stent, Radiologie) bei bereits gesicherter Diagnose „Varizenblutung“. Es ersetzt nicht die Original-Gebrauchsanweisung des Herstellers.

Die Wirksamkeit und Risiken der Ballontamponade sind in mehreren klinischen Serien beschrieben; die Methode kontrolliert initial die Blutung bei der Mehrzahl der Patient:innen, ist aber mit relevanter Morbidität und Mortalität verbunden. [14]

CAVE:
- Ballontamponade nur als kurzfristige Bridgingmaßnahme (typischerweise ≤ 24 h).
- Durchführung ausschließlich durch erfahrene Teams (Intensivmedizin, Endoskopie, Anästhesie).
- Vor jeder Anwendung die Original-IFU des Herstellers prüfen (maximale Füllvolumina/-drücke, Kontraindikationen, Zubehör).

18.2 Indikation & Kontraindikationen

18.2.1 Indikationen

  • Massive Ösophagus- bzw. Fundusvarizenblutung mit hämodynamischer Instabilität
  • Unzureichende Blutstillung trotz optimaler medikamentöser und endoskopischer Therapie
  • Definitive Maßnahmen (TIPS, Stent, Radiologie) kurzfristig nicht verfügbar, aber geplant

Spezifisch:

  • Typ 42: akute Ösophagusvarizenblutung
  • Typ 53: akute Fundusvarizenblutung (GOV2, IGV1)

[48]

18.2.2 Kontraindikationen (relativ/absolut)

  • Kein gesicherter Atemweg (fehlende Intubation)
  • Verdacht auf Ösophagusruptur, frische OP im oberen GI-Trakt
  • Bekannte Strikturen, Tumoren oder schwere anatomische Besonderheiten der Speiseröhre
  • Ausgeprägte Gerinnungsstörung ohne realistische Chance auf Blutungskontrolle
  • Unkooperative Patient:innen ohne Möglichkeit zur adäquaten Sedierung

Im Einzelfall Risiko–Nutzen-Abwägung im interdisziplinären Team.

18.3 Vorbereitung

18.3.1 Anästhesie, Monitoring & Setting

  • Immer endotracheale Intubation mit Analgosedierung und ggf. Muskelrelaxation vor Sondenanlage. [3, 5]
  • Durchführung auf Intensivstation oder im Schockraum mit sofortigem Zugang zu Notfallendoskopie und Radiologie.
  • Monitoring: kontinuierliches EKG, SpO₂, nicht-/invasiver Blutdruck, ggf. ZVD/arterielle Kanüle, Diurese.

18.3.2 Benötigtes Material

  • Sengstaken-Blakemore-Sonde
    • Typ 42 (Ösophagus + Gastric Balloon)
    • Typ 53 (Fixing Balloon + großer Gastric Balloon + Esophageal Balloon)
  • Führungsmandrin passend zur Sonde
  • Wasser- oder ölhaltiges Gleitmittel (nach Herstellerangabe; beim vorliegenden System ölhaltig zulässig)
  • 10-ml- und 50-ml-Spritzen
  • Dreiwegehähne, Cuffdruckmanometer für beide Hochdruckballons
  • Pflaster, Fixierbänder oder Helm/Helmsystem, ggf. 300–500 g Gegengewicht
  • Absaugung (oral, über Sondenlumen), Beutel für Sekret
  • Röntgenkapazität (Thorax/Abdomen) zur Lagekontrolle

18.4 Technische Parameter – Überblick

Parameter Typ 42 Typ 53
Hauptindikation Ösophagusvarizenblutung Fundusvarizenblutung
Ballonkonfiguration Gastric Balloon + Esophageal Balloon Fixing Balloon + großer Gastric Balloon + Esophageal Balloon
Gastric Balloon – Füllvolumen bis max. 300 ml Luft ca. 400 ml Luft
Esophageal Balloon – Zieldruck ca. 30 mmHg (4,0 kPa), max. 40 mmHg (5,3 kPa) ca. 30 mmHg (4,0 kPa), max. 40 mmHg (5,3 kPa)
Kleiner Fixing Balloon nicht vorhanden blauer Port, ca. 60 ml Aqua dest.
Empfohlene Traktion ca. 300–500 g Gegengewicht ca. 300–500 g Gegengewicht
Druckkontrolle kontinuierlich mit Cuffdruckmanometer kontinuierlich mit Cuffdruckmanometer
Table 18.1: Sengstaken-Blakemore-Sonde Typ 42 vs. Typ 53 – wesentliche Parameter laut Herstellerkurzanleitung [9, 10]

Wichtiger Hinweis: Parameter können chargen- und herstellerabhängig variieren – immer Originalverpackung/Beipackzettel prüfen.

18.5 Grundprinzipien der Sondenanlage – für beide Typen

  1. Atemweg sichern (Intubation), ausreichende Sedierung/Analgesie.
  2. Funktionsprüfung aller Ballons mit Luft (bzw. Aqua dest. beim Fixing Balloon des Typ 53 – siehe unten), danach vollständig entleeren.
  3. Mandrin fest mit der Sonde verbinden, Seitenport des Mandrins mit Gleitmittel füllen.
  4. Einführtiefe anhand äußerer Landmarken (Mund–Ohr–Xiphoid) markieren, Distanzmarken der Sonde beachten.
  5. Sonde großzügig eincremen, über Mund (standard) oder Nasenweg in den Magen vorschieben.
  6. Lage im Magen klinisch (Auskultation, Aspiration) und möglichst früh radiologisch sichern.
  7. Erst nach gesicherter intragastraler Lage die Ballons gemäß Typ befüllen (siehe unten).
  8. Während Füllung und Traktion kontinuierliche hämodynamische Überwachung.

18.6 Schritt-für-Schritt: Typ 42 (Ösophagusvarizen)

Basierend auf der Herstellerkurzanleitung zur Sengstaken-Blakemore Sonde Typ 42.

Figure 18.1: Schematische Darstellung der Ballonlage bei Sengstaken-Blakemore-Sonde

18.6.1 1. Vorbereitung

  • Wie in den Grundprinzipien beschrieben.
  • Mandrin über den vorgesehenen Seitenport mit Gleitmittel „aufspritzen“ (z. B. 10 ml), um die spätere Entfernung zu erleichtern.
  • Alle Ballons vollständig entleert.

18.6.2 2. Einführen in den Magen

  1. Sonde über den Mund (oder nasal) vorsichtig bis zur vorgesehenen Markierung vorschieben, beide Ballons liegen nun im Magen.
  2. Mandrin wenige Zentimeter zurückziehen, verbleibt jedoch in der Sonde.

18.6.3 3. Füllung des Gastric Balloon

  1. Gastric Balloon (roter Anschluss) mit Luft füllen, maximal ca. 300 ml – in mehreren Portionen (z. B. 50–100 ml-Schritte).
  2. Auf zunehmenden Widerstand achten, keine forcierte Füllung.

18.6.4 4. Traktion

  1. Sonde unter weiter gefülltem Gastric Balloon vorsichtig zurückziehen, bis ein leichter Widerstand spürbar ist (Ballon liegt an der Kardia/Fundusregion an).
  2. Traktion durch Gegengewicht (300–500 g, z. B. mit Flaschenzug-System am Bett).

18.6.5 5. Füllung des Esophageal Balloon

  1. Esophageal Balloon (schwarzer Anschluss) mit Luft unter Manometerkontrolle füllen.
  2. Zieldruck ca. 30 mmHg (4,0 kPa); Maximaldruck 40 mmHg (5,3 kPa).
  3. Druck schrittweise steigern, bis die Blutung sistiert; Maximaldruck nicht überschreiten.
  4. Während der gesamten Manipulation Mandrin entfernen und Traktion aufrechterhalten.

18.6.6 6. Druckkontrolle & laufende Betreuung

  • Aufgrund der Luftdurchlässigkeit von Silikon: Drücke in Gastric und Esophageal Balloon regelmäßig messen und nachjustieren (z. B. alle 30–60 min).
  • Kontinuierliche Absaugung über die dafür vorgesehenen Lumen im Ösophagus/Magen, plus oral.
  • Radiologische Lagekontrolle (Röntgen) baldmöglichst durchführen.

18.6.7 7. Intervall-Entlastung

  • Etwa 12 h nach Beginn der Tamponade: Esophageal Balloon vorsichtig partiell entblocken und Blutungsstatus prüfen.
  • Bei weiter stabiler Situation: im Rhythmus von 4–6 h kurzzeitige Drucksenkung („Ballonpausen“) erwägen, abhängig von Blutungsrisiko und lokaler SOP.

18.7 Schritt-für-Schritt: Typ 53 (Fundusvarizen)

Basierend auf der Herstellerkurzanleitung zur Sengstaken-Blakemore Sonde Typ 53 (Linton-Nachlas-Typ).

Figure 18.2: Schematische Darstellung der Ballonlage bei Sengstaken-Blakemore-Sonde

18.7.1 1. Vorbereitung

  • Analog zu Typ 42.
  • Besonderheit: zusätzlicher Fixing Balloon (blauer Port) im Magenfundusbereich.

18.7.2 2. Einführen in den Magen

  1. Sonde mit montiertem Mandrin nasal oder oral bis zur vorgesehenen Markierung in den Magen vorschieben.
  2. Lage klinisch sichern, Mandrin einige Zentimeter zurückziehen.

18.7.3 3. Füllung des Fixing Balloon

  1. Zunächst den Fixing Balloon über den blauen Anschluss mit ca. 60 ml Aqua dest. mittels 10-ml-Spritze füllen.
  2. Dadurch wird die Sondenspitze im Fundus stabilisiert.

18.7.4 4. Füllung des großen Gastric Balloon

  1. Gastric Balloon (roter Anschluss) anschließend mit ca. 400 ml Luft befüllen, wiederum fraktioniert.
  2. Sonde unter Traktion (300–500 g) zurückziehen, bis der Ballon fest an der Kardia/Fundusregion anliegt (klinischer Widerstand, ggf. radiologische Kontrolle).

18.7.5 5. Füllung des Esophageal Balloon

  1. Analog zu Typ 42: Esophageal Balloon (schwarzer Anschluss) unter Manometerkontrolle auf ca. 30 mmHg (max. 40 mmHg) füllen.
  2. Mandrin unter Aufrechterhaltung der Traktion vollständig entfernen.

18.7.6 6. Verlauf & Intervall-Entlastung

  • Wie bei Typ 42: regelmäßige Druckkontrolle aller Ballons, insbesondere des Gastric Balloon.
  • Etwa 12 h nach Anlage: schrittweise Reduktion des Gastric-Balloon-Drucks und klinische Beurteilung der Blutung; bei erneuter Blutung erneute Füllung.

18.8 Überwachung, Pflege & Entfernung

18.8.1 Kontinuierliche Überwachung

  • Intensivpflichtige Maßnahme:
    • Hämodynamik (Blutdruck, HF, Laktat, Diurese)
    • Respiratorische Parameter (Beatmungseinstellungen, Gasaustausch)
    • Neurologischer Status (trotz Sedierung; z. B. Pupillen, Reaktionen)
  • Inspektion von Mund, Lippen und Nase auf Druckstellen, regelmäßige Umlagerung des Zugapparats.
  • Mund- und Rachenpflege, Speichel-/Blutabsaugung.

18.8.2 Druck- und Zeitmanagement

  • Ballondrücke alle 30–60 min dokumentieren; bei Abfall Nachfüllung nach Herstellerangaben. [2, 3]
  • Gesamtzeit der Ösophagusballon-Inflation auf das unbedingt notwendige Minimum beschränken (möglichst < 24 h). [4]
  • Parallel definitive Therapie (TIPS, Stent, erneute Endoskopie, Radiologie) organisieren.

18.8.3 Schema zur Entfernung

  1. Sicherstellen, dass eine definitive Therapie erfolgt ist oder geplant ist und keine aktive Blutung mehr besteht (klinisch, ggf. endoskopisch).
  2. Zuerst Druck im Esophageal Balloon langsam ablassen; Sonde unter Zug belassen und Patient:in engmaschig überwachen.
  3. Wenn nach mehreren Stunden keine Blutungszeichen: Gastric Balloon (und ggf. Fixing Balloon) schrittweise entleeren.
  4. Traktion lösen, Sonde einige Zentimeter vorschieben, dann vollständig entfernen.
  5. Nach Entfernung klinische Re-Evaluation und ggf. Kontrollendoskopie.

18.9 Dokumentation

  • Sondentyp (42 oder 53), Seriennummer (falls vorhanden)
  • Zeitpunkt der Anlage, Einführungsweg (oral/nasal), Einführtiefe
  • Füllvolumina (ml) und Drücke (mmHg/kPa) in allen Ballons
  • Gewicht/Zug, Art der Fixation
  • Ergebnisse der Röntgenlagekontrolle
  • Verlauf: Blutungsstatus, Transfusionsbedarf, Komplikationen
  • Zeitpunkt und Ablauf der Entfernung

Eine sorgfältige Dokumentation ist essenziell für Verlaufseinschätzung, Qualitätssicherung und rechtliche Absicherung.

18.10 Komplikationen & Prävention

Häufige und schwerwiegende Komplikationen sind: [24, 11]

  • Aspirationspneumonie, ventilatorassoziierte Pneumonie
  • Ösophagus- oder Magenruptur, Mediastinitis
  • Druckulzera, Nekrosen in Ösophagus, Magen und Nasen-/Mundbereich
  • Dislokation der Sonde in Hypopharynx/Trachea mit akuter Erstickungsgefahr
  • Schlechte Toleranz bei unzureichender Sedierung (Agitation, Selbstextubation, Sondenzug)

Prävention

  • Verlässliche Atemwegssicherung und ausreichende Analgosedierung
  • Exakte Beachtung der maximalen Füllvolumina und -drücke
  • Regelmäßige Druckkontrolle, kurze Ballonpausen nach Stabilisierung
  • Radiologische Lagekontrolle möglichst früh nach Anlage
  • Regelmäßige Haut- und Schleimhautinspektion, Polsterung aller Druckpunkte

CAVE:
Jede Verschlechterung (plötzliche Dyspnoe, Subkutanhämatom, massive Schmerzen, rascher Druckabfall im Ballon) muss an eine Perforation oder Dislokation denken lassen – sofortige Entblockung, Notfallendoskopie und ggf. CT-Diagnostik veranlassen.

18.11 Literatur

1.
Sengstaken RW, Blakemore AH (1950) Balloon tamponage for the control of hemorrhage from esophageal varices. Annals of Surgery 131(5):781–789. https://doi.org/10.1097/00000658-195005000-00013
2.
Panés J, Terés J, Bosch J, Rodés J (1988) Efficacy of balloon tamponade in treatment of bleeding gastric and esophageal varices. Results in 151 consecutive episodes. Digestive Diseases and Sciences 33(4):454–459. https://doi.org/10.1007/BF01536031
3.
Cook D, Randall J, Marshall J, et al (1992) Indications, technique, and complications of balloon tamponade for variceal bleeding. Critical Care Medicine 20(10):1443–1449. https://doi.org/10.1097/00003246-199210000-00006
4.
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5.
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6.
De Franchis R, Bosch J, Garcia-Tsao G, et al (2022) Baveno VII – renewing consensus in portal hypertension. Journal of Hepatology 76(4):959–974. https://doi.org/10.1016/j.jhep.2021.12.022
7.
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8.
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9.
AP NENNO Medizintechnik GmbH (2022) Sengstaken-blakemore sonde typ 42 – kurzanleitung zur akuttherapie von Ösophagusvarizenblutungen
10.
AP NENNO Medizintechnik GmbH (2022) Sengstaken-blakemore sonde typ 53 – kurzanleitung zur akuttherapie von fundusvarizenblutungen
11.
Conn HO et al (1967) Excessive mortality associated with balloon tamponade of bleeding esophageal varices. Journal of the American Medical Association 199(11):782–786. https://doi.org/10.1001/jama.1967.03120110034007