| Parameter | Typ 42 | Typ 53 |
|---|---|---|
| Hauptindikation | Ösophagusvarizenblutung | Fundusvarizenblutung |
| Ballonkonfiguration | Gastric Balloon + Esophageal Balloon | Fixing Balloon + großer Gastric Balloon + Esophageal Balloon |
| Gastric Balloon – Füllvolumen | bis max. 300 ml Luft | ca. 400 ml Luft |
| Esophageal Balloon – Zieldruck | ca. 30 mmHg (4,0 kPa), max. 40 mmHg (5,3 kPa) | ca. 30 mmHg (4,0 kPa), max. 40 mmHg (5,3 kPa) |
| Kleiner Fixing Balloon | nicht vorhanden | blauer Port, ca. 60 ml Aqua dest. |
| Empfohlene Traktion | ca. 300–500 g Gegengewicht | ca. 300–500 g Gegengewicht |
| Druckkontrolle | kontinuierlich mit Cuffdruckmanometer | kontinuierlich mit Cuffdruckmanometer |
18 Sengstaken-Blakemore-Sonde Typ 42 & Typ 53
Erstellt: 20.11.2025
Autoren: T. Jäger | F. Singhartinger | J. Holzinger | K. Emmanuel
Konsentiert: 20.11.2025
Letzte Änderung: 20.11.2025
Zuletzt bearbeitet von: T. Jäger | von Rahden
Version: 2.0.1
18.1 Zweck & Geltungsbereich
Die Sengstaken-Blakemore-Sonde (SBS) ist ein Notfallinstrument zur temporären Ballontamponade bei schwerer Varizenblutung des oberen Gastrointestinaltrakts.
- Typ 42: für Ösophagusvarizenblutungen.
- Typ 53 (ehemals Linton-Nachlas): für Fundusvarizenblutungen.
Dieses Kapitel beschreibt die praxisorientierte Anwendung beider Sondentypen als Bridging-Maßnahme bis zur definitiven Therapie (Endoskopie, TIPS, Stent, Radiologie) bei bereits gesicherter Diagnose „Varizenblutung“. Es ersetzt nicht die Original-Gebrauchsanweisung des Herstellers.
Die Wirksamkeit und Risiken der Ballontamponade sind in mehreren klinischen Serien beschrieben; die Methode kontrolliert initial die Blutung bei der Mehrzahl der Patient:innen, ist aber mit relevanter Morbidität und Mortalität verbunden. [1–4]
CAVE:
- Ballontamponade nur als kurzfristige Bridgingmaßnahme (typischerweise ≤ 24 h).
- Durchführung ausschließlich durch erfahrene Teams (Intensivmedizin, Endoskopie, Anästhesie).
- Vor jeder Anwendung die Original-IFU des Herstellers prüfen (maximale Füllvolumina/-drücke, Kontraindikationen, Zubehör).
18.2 Indikation & Kontraindikationen
18.2.1 Indikationen
- Massive Ösophagus- bzw. Fundusvarizenblutung mit hämodynamischer Instabilität
- Unzureichende Blutstillung trotz optimaler medikamentöser und endoskopischer Therapie
- Definitive Maßnahmen (TIPS, Stent, Radiologie) kurzfristig nicht verfügbar, aber geplant
Spezifisch:
- Typ 42: akute Ösophagusvarizenblutung
- Typ 53: akute Fundusvarizenblutung (GOV2, IGV1)
18.2.2 Kontraindikationen (relativ/absolut)
- Kein gesicherter Atemweg (fehlende Intubation)
- Verdacht auf Ösophagusruptur, frische OP im oberen GI-Trakt
- Bekannte Strikturen, Tumoren oder schwere anatomische Besonderheiten der Speiseröhre
- Ausgeprägte Gerinnungsstörung ohne realistische Chance auf Blutungskontrolle
- Unkooperative Patient:innen ohne Möglichkeit zur adäquaten Sedierung
Im Einzelfall Risiko–Nutzen-Abwägung im interdisziplinären Team.
18.3 Vorbereitung
18.3.1 Anästhesie, Monitoring & Setting
- Immer endotracheale Intubation mit Analgosedierung und ggf. Muskelrelaxation vor Sondenanlage. [3, 5]
- Durchführung auf Intensivstation oder im Schockraum mit sofortigem Zugang zu Notfallendoskopie und Radiologie.
- Monitoring: kontinuierliches EKG, SpO₂, nicht-/invasiver Blutdruck, ggf. ZVD/arterielle Kanüle, Diurese.
18.3.2 Benötigtes Material
- Sengstaken-Blakemore-Sonde
- Typ 42 (Ösophagus + Gastric Balloon)
- Typ 53 (Fixing Balloon + großer Gastric Balloon + Esophageal Balloon)
- Typ 42 (Ösophagus + Gastric Balloon)
- Führungsmandrin passend zur Sonde
- Wasser- oder ölhaltiges Gleitmittel (nach Herstellerangabe; beim vorliegenden System ölhaltig zulässig)
- 10-ml- und 50-ml-Spritzen
- Dreiwegehähne, Cuffdruckmanometer für beide Hochdruckballons
- Pflaster, Fixierbänder oder Helm/Helmsystem, ggf. 300–500 g Gegengewicht
- Absaugung (oral, über Sondenlumen), Beutel für Sekret
- Röntgenkapazität (Thorax/Abdomen) zur Lagekontrolle
18.4 Technische Parameter – Überblick
Wichtiger Hinweis: Parameter können chargen- und herstellerabhängig variieren – immer Originalverpackung/Beipackzettel prüfen.
18.5 Grundprinzipien der Sondenanlage – für beide Typen
- Atemweg sichern (Intubation), ausreichende Sedierung/Analgesie.
- Funktionsprüfung aller Ballons mit Luft (bzw. Aqua dest. beim Fixing Balloon des Typ 53 – siehe unten), danach vollständig entleeren.
- Mandrin fest mit der Sonde verbinden, Seitenport des Mandrins mit Gleitmittel füllen.
- Einführtiefe anhand äußerer Landmarken (Mund–Ohr–Xiphoid) markieren, Distanzmarken der Sonde beachten.
- Sonde großzügig eincremen, über Mund (standard) oder Nasenweg in den Magen vorschieben.
- Lage im Magen klinisch (Auskultation, Aspiration) und möglichst früh radiologisch sichern.
- Erst nach gesicherter intragastraler Lage die Ballons gemäß Typ befüllen (siehe unten).
- Während Füllung und Traktion kontinuierliche hämodynamische Überwachung.
18.6 Schritt-für-Schritt: Typ 42 (Ösophagusvarizen)
Basierend auf der Herstellerkurzanleitung zur Sengstaken-Blakemore Sonde Typ 42.
18.6.1 1. Vorbereitung
- Wie in den Grundprinzipien beschrieben.
- Mandrin über den vorgesehenen Seitenport mit Gleitmittel „aufspritzen“ (z. B. 10 ml), um die spätere Entfernung zu erleichtern.
- Alle Ballons vollständig entleert.
18.6.2 2. Einführen in den Magen
- Sonde über den Mund (oder nasal) vorsichtig bis zur vorgesehenen Markierung vorschieben, beide Ballons liegen nun im Magen.
- Mandrin wenige Zentimeter zurückziehen, verbleibt jedoch in der Sonde.
18.6.3 3. Füllung des Gastric Balloon
- Gastric Balloon (roter Anschluss) mit Luft füllen, maximal ca. 300 ml – in mehreren Portionen (z. B. 50–100 ml-Schritte).
- Auf zunehmenden Widerstand achten, keine forcierte Füllung.
18.6.4 4. Traktion
- Sonde unter weiter gefülltem Gastric Balloon vorsichtig zurückziehen, bis ein leichter Widerstand spürbar ist (Ballon liegt an der Kardia/Fundusregion an).
- Traktion durch Gegengewicht (300–500 g, z. B. mit Flaschenzug-System am Bett).
18.6.5 5. Füllung des Esophageal Balloon
- Esophageal Balloon (schwarzer Anschluss) mit Luft unter Manometerkontrolle füllen.
- Zieldruck ca. 30 mmHg (4,0 kPa); Maximaldruck 40 mmHg (5,3 kPa).
- Druck schrittweise steigern, bis die Blutung sistiert; Maximaldruck nicht überschreiten.
- Während der gesamten Manipulation Mandrin entfernen und Traktion aufrechterhalten.
18.6.6 6. Druckkontrolle & laufende Betreuung
- Aufgrund der Luftdurchlässigkeit von Silikon: Drücke in Gastric und Esophageal Balloon regelmäßig messen und nachjustieren (z. B. alle 30–60 min).
- Kontinuierliche Absaugung über die dafür vorgesehenen Lumen im Ösophagus/Magen, plus oral.
- Radiologische Lagekontrolle (Röntgen) baldmöglichst durchführen.
18.6.7 7. Intervall-Entlastung
- Etwa 12 h nach Beginn der Tamponade: Esophageal Balloon vorsichtig partiell entblocken und Blutungsstatus prüfen.
- Bei weiter stabiler Situation: im Rhythmus von 4–6 h kurzzeitige Drucksenkung („Ballonpausen“) erwägen, abhängig von Blutungsrisiko und lokaler SOP.
18.7 Schritt-für-Schritt: Typ 53 (Fundusvarizen)
Basierend auf der Herstellerkurzanleitung zur Sengstaken-Blakemore Sonde Typ 53 (Linton-Nachlas-Typ).
18.7.1 1. Vorbereitung
- Analog zu Typ 42.
- Besonderheit: zusätzlicher Fixing Balloon (blauer Port) im Magenfundusbereich.
18.7.2 2. Einführen in den Magen
- Sonde mit montiertem Mandrin nasal oder oral bis zur vorgesehenen Markierung in den Magen vorschieben.
- Lage klinisch sichern, Mandrin einige Zentimeter zurückziehen.
18.7.3 3. Füllung des Fixing Balloon
- Zunächst den Fixing Balloon über den blauen Anschluss mit ca. 60 ml Aqua dest. mittels 10-ml-Spritze füllen.
- Dadurch wird die Sondenspitze im Fundus stabilisiert.
18.7.4 4. Füllung des großen Gastric Balloon
- Gastric Balloon (roter Anschluss) anschließend mit ca. 400 ml Luft befüllen, wiederum fraktioniert.
- Sonde unter Traktion (300–500 g) zurückziehen, bis der Ballon fest an der Kardia/Fundusregion anliegt (klinischer Widerstand, ggf. radiologische Kontrolle).
18.7.5 5. Füllung des Esophageal Balloon
- Analog zu Typ 42: Esophageal Balloon (schwarzer Anschluss) unter Manometerkontrolle auf ca. 30 mmHg (max. 40 mmHg) füllen.
- Mandrin unter Aufrechterhaltung der Traktion vollständig entfernen.
18.7.6 6. Verlauf & Intervall-Entlastung
- Wie bei Typ 42: regelmäßige Druckkontrolle aller Ballons, insbesondere des Gastric Balloon.
- Etwa 12 h nach Anlage: schrittweise Reduktion des Gastric-Balloon-Drucks und klinische Beurteilung der Blutung; bei erneuter Blutung erneute Füllung.
18.8 Überwachung, Pflege & Entfernung
18.8.1 Kontinuierliche Überwachung
- Intensivpflichtige Maßnahme:
- Hämodynamik (Blutdruck, HF, Laktat, Diurese)
- Respiratorische Parameter (Beatmungseinstellungen, Gasaustausch)
- Neurologischer Status (trotz Sedierung; z. B. Pupillen, Reaktionen)
- Hämodynamik (Blutdruck, HF, Laktat, Diurese)
- Inspektion von Mund, Lippen und Nase auf Druckstellen, regelmäßige Umlagerung des Zugapparats.
- Mund- und Rachenpflege, Speichel-/Blutabsaugung.
18.8.2 Druck- und Zeitmanagement
18.8.3 Schema zur Entfernung
- Sicherstellen, dass eine definitive Therapie erfolgt ist oder geplant ist und keine aktive Blutung mehr besteht (klinisch, ggf. endoskopisch).
- Zuerst Druck im Esophageal Balloon langsam ablassen; Sonde unter Zug belassen und Patient:in engmaschig überwachen.
- Wenn nach mehreren Stunden keine Blutungszeichen: Gastric Balloon (und ggf. Fixing Balloon) schrittweise entleeren.
- Traktion lösen, Sonde einige Zentimeter vorschieben, dann vollständig entfernen.
- Nach Entfernung klinische Re-Evaluation und ggf. Kontrollendoskopie.
18.9 Dokumentation
- Sondentyp (42 oder 53), Seriennummer (falls vorhanden)
- Zeitpunkt der Anlage, Einführungsweg (oral/nasal), Einführtiefe
- Füllvolumina (ml) und Drücke (mmHg/kPa) in allen Ballons
- Gewicht/Zug, Art der Fixation
- Ergebnisse der Röntgenlagekontrolle
- Verlauf: Blutungsstatus, Transfusionsbedarf, Komplikationen
- Zeitpunkt und Ablauf der Entfernung
Eine sorgfältige Dokumentation ist essenziell für Verlaufseinschätzung, Qualitätssicherung und rechtliche Absicherung.
18.10 Komplikationen & Prävention
Häufige und schwerwiegende Komplikationen sind: [2–4, 11]
- Aspirationspneumonie, ventilatorassoziierte Pneumonie
- Ösophagus- oder Magenruptur, Mediastinitis
- Druckulzera, Nekrosen in Ösophagus, Magen und Nasen-/Mundbereich
- Dislokation der Sonde in Hypopharynx/Trachea mit akuter Erstickungsgefahr
- Schlechte Toleranz bei unzureichender Sedierung (Agitation, Selbstextubation, Sondenzug)
Prävention
- Verlässliche Atemwegssicherung und ausreichende Analgosedierung
- Exakte Beachtung der maximalen Füllvolumina und -drücke
- Regelmäßige Druckkontrolle, kurze Ballonpausen nach Stabilisierung
- Radiologische Lagekontrolle möglichst früh nach Anlage
- Regelmäßige Haut- und Schleimhautinspektion, Polsterung aller Druckpunkte
CAVE:
Jede Verschlechterung (plötzliche Dyspnoe, Subkutanhämatom, massive Schmerzen, rascher Druckabfall im Ballon) muss an eine Perforation oder Dislokation denken lassen – sofortige Entblockung, Notfallendoskopie und ggf. CT-Diagnostik veranlassen.

