| Kategorie | Ausprägungen |
|---|---|
| Lokalisation | Bauchwand; Extremität/Rumpf; Kopf-Hals; intraabdominell/mesenterial |
| Dynamik | AS-geeignet (stabil/regredient) vs. behandlungsbedürftig (progressiv/symptomatisch) |
| Molekular | CTNNB1 (T41A, S45F/S45P), APC (FAP-assoziiert) |
| Komorbidität | Voroperationen (insb. FAP), Schwangerschaft, OP-Risiken, Fertilitätswunsch |
56 Desmoid-Tumor (Desmoid-type Fibromatosis, DTF)
Erstellt: 02.11.2025
Autoren: T. Jäger
Konsentiert: 06.11.2025
Letzte Änderung: 12.11.2025
Zuletzt bearbeitet von: T. Jäger
Version: 2.0.1
56.1 Definition & Klinische Untersuchung
Desmoid-Tumoren (DTF) sind seltene, lokal aggressive fibroblastische Neoplasien ohne Metastasierungsneigung. Sie entstehen typischerweise in Bauchwand, Extremitäten, Rumpfwand oder mesenterial/intraabdominell. Klinisch präsentieren sie sich als langsam wachsende, oft derbe, wenig verschiebliche Raumforderungen; Schmerzen, Funktions- oder Organbeeinträchtigungen sind möglich.
Klinische Basisbefunde: Größe, Lokalisation, Tiefenausdehnung, Nähe zu Gefäß-/Nervenstrukturen, Hautbeteiligung, postoperative/traumatische Vorgeschichte, FAP-Anamnese (Familial Adenomatous Polyposis).
56.2 Epidemiologie (kurz)
Jahresinzidenz ca. 2–5/Million; Gipfel im 3.–4. Lebensjahrzehnt; Frauen häufiger betroffen. Etwa 10–15 % sind FAP-assoziiert (germline APC-Mutation).
56.3 Pathophysiologie
Sporadische DTF zeigen in ~80–90 % somatische CTNNB1-Mutationen (meist T41A, seltener S45F/P) mit aberranter β-Catenin-Signalisierung. FAP-assoziierte DTF entstehen auf Basis von APC-Mutationen und treten bevorzugt intraabdominell/mesenterial nach abdominaler Operation auf. Bestimmte CTNNB1-Mutationen (v. a. S45F) sind nach Resektion mit höherer Lokalrezidiv-Rate assoziiert [1, 2].
56.4 Symptome & Befunde
- Palpable derbe Masse, oft schmerzhaft
- Funktionseinschränkung (z. B. Schulter-/Extremitätenfunktion)
- Bauchwand: Vorwölbung/Druckschmerz
- Mesenterial: Obstruktion, Ischämie-/Fistelrisiko (selten), B-Symptomatik fehlt
56.5 Differentialdiagnose
Weichteilsarkome (v. a. niedriggradig), Narben-/Keloid, tiefe Fibromatosen anderer Genese, Endometriose (Bauchwand), entzündliche Pseudotumoren.
56.6 Diagnostik
- Bildgebung: Primär MRT der betroffenen Region (Weichteilkontrast, Relation zu Faszien/Nerven/Gefäßen). CT bei intraabdomineller/mesenterialer Lokalisation.
- Histologie/Pathologie: Core-Needle-Biopsie (mehrere Zylinder). Immunhistochemie: Nukleäres β-Catenin (häufig), Ausschluss Sarkom.
- Molekular: CTNNB1-Mutationsanalyse (T41A/S45F/S45P) zur Prognoseabschätzung; bei entsprechender Anamnese APC-Keimbahndiagnostik.
- Verlauf: In frühen Phasen ist aktive Überwachung (AS) mit seriellen klinischen Kontrollen + MRT (z. B. 3–4-monatlich in Jahr 1, dann strecken) Standard-Erststrategie bei asymptomatischen oder mild symptomatischen Patient:innen [3].
CAVE: Keine Exzisionsbiopsie! Immer Core-Needle; ungezielte/zu breite Biopsien erschweren spätere lokale Optionen. Bei Verdacht auf FAP vor abdominalen Eingriffen humangenetische Abklärung und interdisziplinäre Fallbesprechung.
56.7 Klassifikation / Relevante Kategorien
Eine einheitliche TNM-Klassifikation existiert nicht. Für das Management entscheidend sind: (1) Lokalisation (Bauchwand, Extremität/Rumpf, Kopf-Hals; intraabdominell/mesenterial), (2) Symptomlast/Bedrohung kritischer Strukturen, (3) Dynamik (Progress vs. Stabilisierung/Regression), (4) molekularer Status (CTNNB1, APC), (5) Vorbehandlung.
56.8 Therapie
56.8.1 Grundprinzip
- Front-line: Aktive Überwachung (AS) bei den meisten sporadischen DTF ohne drohende Organ-/Funktionsgefährdung. Prospektive Daten (GRAFITI) zeigen hohe Raten an Stabilisierung/Spontan-Regression und dass nur ein Teil eine aktive Therapie benötigt [3].
- Therapieeinleitung bei: gesicherter Progression, anhaltend relevanter Schmerz/Funktionsverlust trotz Supportivtherapie, drohender Strukturschaden (Nerven/Gefäße/Gelenke), Komplikationsrisiko (intraabdominell).
- Therapiewahl individualisiert (lokal vs. systemisch) im interdisziplinären Board (Sarkomzentrum).
56.8.2 Evidenzgestützte Optionen
| Substanz | Setting | Design/ n | Primärendpunkt | Ergebnis (kurz) | wichtige Toxizitäten |
|---|---|---|---|---|---|
| Nirogacestat (γ-Sekretase-Inhibitor) | Erwachsene mit progredienten DTF | Phase-III, randomisiert, n=142 | PFS (zentral geprüft) | Signifikant bessere PFS; ORR ~41 % | Diarrhoe, Fatigue, Hypophosphatämie; ovarielle Dysfunktion häufig reversibel |
| Sorafenib (TKI) | Progrediente/refraktäre/symptomatische DTF | Phase-III, randomisiert, n=87 | PFS (Investigator) | Signifikant bessere PFS; ORR ~33 % | Exanthem, Fatigue, Hypertonie, Diarrhoe |
Praktische Hinweise: - Nirogacestat: orale Dauertherapie; Fertilitätsaspekte (ovarielles Signal) in Aufklärung berücksichtigen [4]. - TKI (z. B. Sorafenib) als wirksame, oft gut verträgliche Option; Dosisanpassungen üblich [5]. - Zytostatika (low-dose MTX/Vinca; Anthrazykline) bleiben Reservetherapien bei Versagen/Unverträglichkeit zielgerichteter Optionen (primär nicht RCT-basiert; hier keine Zitation).
56.8.3 Lokaltherapie
| Verfahren | Design/ n | Kernergebnis | Typische Eignung |
|---|---|---|---|
| Radiotherapie (moderate Dosis) | Phase-II, multizentrisch, n=44 | 3-Jahres-LC ~82 %; langsame, anhaltende Remissionen | Inoperabel, funktionserhaltend, bei Progress/Symptomlast |
| Kryoablation (perkutane Bildführung) | Phase-II, multizentrisch, n=50 | 12-Monats-Nicht-Progression 86 %; Schmerz-/Funktionsverbesserung | Progrediente, extraabdominelle DTF nach Systemtherapie oder bei Symptomen |
| Kryoablation – frühe Serie | Monozentrische Serie, n=13 | Gute lokale Kontrolle; geringe schwere Komplikationsrate | Selektierte extraabdominelle DTF |
Operation (selektiv): Heute zurückhaltend. Indiziert bei resektablen Bauchwand-DTF mit vertretbarer Morbidität oder bei klarer Funktions-/Organbedrohung, wenn Gewebe-schonend resektabel. Nach Resektion bestehen – abhängig von Lokalisation, Größe, CTNNB1-Status – relevante Lokalrezidivraten; S45F-Mutationen sind mit höherem Rezidivrisiko assoziiert [1, 2, 9]. Breite onkologische Resektionen sind nicht das Ziel; funktionserhaltend planen, plastische Rekonstruktion einbeziehen.
56.8.4 Präoperative Vorbereitung
- Interdisziplinäre Besprechung (Sarkomboard).
- Vervollständigung Bildgebung (MRT ± CT).
- Biopsie-/Molekulardaten prüfen (CTNNB1/APC).
- Schmerz-/Physiotherapie, Ergonomie, ggf. Orthesen.
56.8.5 Anästhesie & Lagerung (bei OP/Intervention)
- Standard je nach Lokalisation/Eingriff; bei Kryoablation häufig in ITN; thermische Schutzmaßnahmen (Hydrodissektion/CO₂-Dissektion) einplanen.
56.8.6 OP-/Interventions-Schritte (Kurzüberblick)
- Bauchwand-Resektion: Funktionsorientierte Myofasziaresektion mit knappen Resektionsrändern ausreichend, Rekonstruktion (Netz) nach Bedarf.
- Kryoablation: CT/US-geführt, 2–3 Freeze-Thaw-Zyklen, Schutz kritischer Strukturen, postinterventionelles Schmerz-/Ödem-Management [7, 8].
- Radiotherapie: 50–56 Gy in Fraktionen (z. B. 2 Gy), späte Remissionen abwarten [6].
56.8.7 Intraoperative Komplikationen & Management
- Nerven-/Gefäßverletzung vermeiden (präoperative Planung); bei Kryoablation thermische Nervenprotektion.
- Darmverletzung/Perforationsrisiko bei mesenterialen DTF – hier i. d. R. keine Primäroperation, sondern systemische Therapie bevorzugen.
56.8.8 Postoperatives/Interventionelles Management
- Schmerztherapie, Physiotherapie, Narben-/Faszienpflege.
- Wund-/Netz-Kontrollen (Bauchwand), Serommanagement.
- Nach Kryoablation: Ödem, neuropathische Schmerzen antizipieren; Bildkontrolle (MRT) zeitgerecht, „späte Remission“ berücksichtigen.
56.9 Nachsorge
- AS oder nach Therapie: Klinik + MRT der betroffenen Region:
- Jahr 1: alle 3–4 Monate
- Jahr 2: alle 4–6 Monate
- ab Jahr 3: halbjährlich bis jährlich, individualisieren
- Endpunkte: Symptome, Funktion, Größenänderung (RECIST/mRECIST), Therapiebedarf neu bewerten.
- Lebensqualität: AS beeinträchtigt i. d. R. nicht die HRQoL; patient-reported outcomes berücksichtigen [10].
56.10 Komplikationen
- Erkrankungsbedingt: Schmerzen, Funktionsverlust, selten Organobstruktion (mesenterial).
- Therapiebedingt: Haut-/Weichteilreaktionen (RT), Nervenläsion/Kälte-Schaden (Kryo), TKI-Klasseneffekte (Hypertension, Diarrhoe, Exanthem), Nirogacestat: häufig reversible ovariell-hormonelle Störungen [4].
56.11 Prognose
Keine Metastasierung; Langzeitverlauf häufig indolent mit Phasen der Stabilität/Regression. Unter AS benötigen viele Patient:innen keine aktive Therapie innerhalb der ersten Jahre [3]. Rezidivrisiko nach Operation variabel und u. a. von CTNNB1-Status abhängig [1, 2].
56.12 Zusatzmodule
56.12.1 Red Flags
- Rasch progrediente Schmerzen/neurologische Ausfälle → Re-Staging, Therapieumstellung prüfen.
- Intraabdominell: Ileus-/Ischämiezeichen → Notfall-Abklärung.
56.12.2 Besondere Situationen
- FAP-assoziiert: Hohe Morbidität mesenterialer DTF; möglichst keine ausgedehnten Bauch-OPs; systemische Therapie bevorzugen. Abdominalchirurgische Eingriffe erhöhen Desmoidrisiko [11].
- Fertilität/Schwangerschaft: Systemtherapien sorgfältig abwägen; bei Nirogacestat Fertilitätsberatung.