46  Pressurized Intrathoracic Aerosol Chemotherapy (PITAC/PITHAC)

Erstellt: 12.11.2025
Autoren: T. Jäger | J. Hutter | M. Lechner | K. Emmanuel
Konsentiert:
Letzte Änderung: 12.11.2025
Zuletzt bearbeitet von: T. Jäger
Version: 2.0.1

Pressurisierte intrathorakale Aerosolchemotherapie (häufig als PITAC/PITHAC bezeichnet) ist ein experimentelles, regionales Therapieverfahren zur Behandlung der pleuralen Karzinose bzw. des malignen Pleuraergusses. Zytostatika werden dabei als feiner Aerosolnebel unter moderatem Druck in die Pleurahöhle eingebracht, zum Teil bei moderater Hyperthermie. Ziel ist eine hohe lokale Wirkstoffkonzentration bei möglichst geringer systemischer Exposition und damit Verbesserung der lokalen Tumorkontrolle und Symptomkontrolle [1, 2].

Figure 46.1: PITAC/PITHAC Der Eingriff wird in einem Operationssaal mit einem hochentwickelten Luftfiltersystem durchgeführt. Ein Ballontrokar wird eingeführt und die Kamera eingebracht, um die Pleurahöhle zu inspizieren. Anschließend wird ein zweiter Ballontrokar platziert, der die Entfernung des Pleuraergusses, die Entnahme von Pleuralbiopsien und schließlich die Positionierung des Verneblers ermöglicht. Es wird ein intrathorakaler Druck von 12 mmHg CO₂ aufgebaut, und die Chemotherapie wird über einen Zeitraum von 6 Minuten vernebelt. Das System wird für 30 Minuten im Steady State gehalten. Am Ende des Verfahrens wird das toxische Aerosol über ein geschlossenes Aerosol-Absaugsystem (CAWS) entfernt. [1]

CAVE: Nur im Studienkontext
- Pressurisierte intrathorakale Aerosolchemotherapie ist kein Standardverfahren.
- Durchführung nur in erfahrenen Zentren und prospektiven Protokollen/Studien.
- Systemische Standardtherapien (Chemo/Immuntherapie/Targeted Therapy) werden dadurch nicht ersetzt.


46.1 Indikation & Kontraindikation

46.1.1 Indikation (immer Tumorboard-Entscheidung)

Übergeordnetes Ziel ist die kontrollierte Behandlung des malignen Pleuraergusses und der pleuralen Karzinose, meist palliativ mit Option auf:

  • Symptomkontrolle (Dyspnoe, Thoraxschmerzen)
  • bessere lokale Tumorkontrolle
  • ggf. immunologisches „Priming” in Kombination mit Systemtherapie [2]

Mögliche Indikationen (ausschließlich im Rahmen von Studien):

  • Maligner Pleuraerguss / pleurale Karzinose, wenn gleichzeitig ein videothorakoskopischer Eingriff zur:
    • Talkpleurodese oder
    • Anlage eines getunnelten Pleurakatheters
      geplant ist [1, 2].
  • Häufige Primärtumoren:
    • nicht-kleinzelliges Bronchialkarzinom
    • Mammakarzinom
    • Ovarial-, Magen-, Ösophaguskarzinom
    • malignes Pleuramesotheliom
    • andere seröse Malignome in Einzelfallentscheidung [1, 2].

46.1.2 Kontraindikationen (typischer Rahmen – studienspezifisch prüfen)

Onkologische Konstellation

  • Lebens­erwartung < 3 Monate
  • ausgeprägte, unkontrollierte Fernmetastasierung ohne lokale Zielsetzung
  • fehlende Möglichkeit zur thorakoskopischen Ergussbehandlung

Patient:innenbezogene Faktoren

  • ECOG > 2
  • relevante Niereninsuffizienz (z. B. Kreatinin-Clearance < 60 mL/min) oder andere Konstellationen, die eine Cisplatin-Gabe nicht erlauben [2]
  • dekompensierte Herzinsuffizienz, schwerwiegende pulmonale Vorerkrankungen mit Kontraindikation zur VATS
  • bekannte schwere Platin-Neuro-/Ototoxizität oder Allergie

Therapiebezogene Faktoren

  • kürzliche systemische Chemotherapie (platinspezifische Sperrfristen des Protokolls beachten)
  • laufende Teilnahme an konkurrierenden interventionellen Studien
  • fehlende Arbeitsschutz-/Hygienestrukturen für den Umgang mit Aerosolchemotherapie

46.2 Präoperative Vorbereitung

  • Interdisziplinäres Tumorboard
    • Indikationsstellung und Zieldefinition (Symptomlinderung vs. lokale Kontrolle).
    • Festlegung der Einbettung in das Gesamttherapiekonzept (Systemtherapie, Radiatio).
  • Diagnostik & Staging
    • CT Thorax/Abdomen (± PET-CT) zur Erfassung:
      • Ausmaß der pleuralen Karzinose
      • Ergussmenge und Septierungen
      • Fernmetastasen
    • Zytologie und/oder Biopsie (z. B. VATS-Pleuralbiopsie) zur histologischen Sicherung.
  • Allgemeine Prä-OP-Abklärung
    • Lungenfunktion (Spirometrie, ggf. DLCO)
    • Kardiologische Risikostratifikation nach Komorbiditäten
    • Basis-Labor: BB, Elektrolyte, Kreatinin/eGFR, Leberwerte, Gerinnung
  • Cisplatin-Spezifika
    • Dokumentation früherer Platindosen und -intervalle
    • Nierenfunktionsprüfung (z. B. Cockcroft-Gault); Studienprotokoll fordert meist Kreatinin-Clearance ≥ 60 mL/min [2].
  • Aufklärung
    • Experimenteller Charakter, keine etablierte Überlebensverbesserung nachgewiesen [2].
    • Potenzielle Vorteile: lokale Kontrolle, Symptomlinderung.
    • Risiken: Nephro-, Oto-, Neurotoxizität, pulmonale und pleurale Komplikationen, Belastung durch VATS-Eingriff.

46.3 Material & Instrumente

  • Thorakoskopie
    • 2 × 10–12 mm Trokare (oft Ballontrokar) im 5.–7. ICR
    • Standard-VATS-Instrumentarium (Kamera, Greifer, Biopsiezangen, Koagulation)
  • Aerosolsystem
    • CE-zertifizierter Nebulizer (z. B. Capnopen®)
    • Hochdruckinjektor (Steuerung von Flussrate und Injektionsdruck)
    • CO₂-Insufflator zur Einstellung eines intrathorakalen Drucks (≈ 8–12 mmHg je nach Protokoll) [1, 2].
  • Chemotherapeutika (Beispiele aus Protokollen)
    • Cisplatin (typisch 7,5–70 mg/m² in ca. 150 mL NaCl 0,9 %) [2]
    • ggf. Kombination z. B. mit Doxorubicin in reduzierter Dosis (z. B. 2,1 mg/m²; Drevet-Protokoll) [1].
  • Sicherheit & Arbeitsschutz
    • geschlossene Aerosol-/Rauchevakuation mit HEPA-Filter
    • Thoraxdrainage (z. B. 24 Ch, postero-apikal)
    • persönliche Schutzausrüstung: FFP2/3-Maske, Schutzbrille/Visier, flüssigkeitsdichter Kittel, doppelte Handschuhe.

46.4 Anästhesie & Lagerung

  • Anästhesie
    • Allgemeinanästhesie mit Doppellumentubus
    • Einlungenventilation auf der Gegenseite
    • Invasive arterielle Blutdruckmessung, ggf. ZVK nach Risiko
    • Regionalanästhesie (Epidural, Paravertebral, ESP-Block) zur Analgesie analog zu anderen VATS-Eingriffen.
  • Lagerung
    • Seitenlage wie bei Standard-VATS
    • sorgfältige Polsterung, freie Beweglichkeit des Thorax für Lageänderungen bei Bedarf.
  • Besonderheiten
    • Klare Kommunikation zwischen OP- und Anästhesieteam über Start und Ende der Aerosol-Phase („Saal-sperre”).
    • Temperaturmanagement:
      • normotherm bis moderat hypertherm (ca. 39 °C) je nach Protokoll [2].

46.5 OP-Technik / Schritte

46.5.1 1. Thorakoskopischer Zugang & Exploration

  • Anlage der Trokare (z. B. 5. und 7. ICR) unter Sicht.
  • Vollständige Aspiration des Pleuraergusses.
  • Systematische Inspektion der Pleura (parietal/viszeral, Zwerchfell, Mediastinum).
  • Gewinnung repräsentativer Pleuralbiopsien (Diagnosesicherung, optional translationales Sampling) [1, 2].

46.5.2 2. Standardprozedur zur Ergusskontrolle

  • je nach individueller Zielsetzung:
    • Talkpleurodese oder
    • Anlage eines getunnelten Dauerkatheters.
  • Diese Prozeduren werden ergänzt, nicht ersetzt.

46.5.3 3. Vorbereitung der Aerosolchemotherapie

  • Positionierung des Nebulizers über einen Trokar, Lagekontrolle mit der Kamera.
  • CO₂-Insufflation auf ca. 8–12 mmHg intrathorakalen Druck.
  • Vorbereitung der Chemotherapie:
    • Cisplatin ± weiteres Zytostatikum in 0,9 % NaCl
    • Gesamtlaufzeit und Flussrate entsprechend Protokoll (z. B. 0,5 mL/min–0,5 mL/s) [1, 2].

46.5.4 4. Aerosol-Applikation & Expositionsphase

  • OP-Team verlässt den Saal; Überwachung über Fenster und Monitore.
  • Start der Injektion über Hochdruckinjektor; Steuerung von Flussrate und Druck.
  • Expositionsphase:
    • intrathorakaler Druck 8–12 mmHg
    • Dauer ca. 30 Minuten
    • je nach Protokoll moderat hypertherm (≈ 39 °C) oder normotherm [1, 2].

46.5.5 5. Evakuation & Thoraxdrainage

  • Rückkehr des Teams mit kompletter Schutzausrüstung.
  • Evakuation des Aerosols über ein geschloss­enes Filtersystem.
  • Einlage einer Thoraxdrainage (z. B. 24 Ch, postero-apikal) und Anschluss an Sog (z. B. −20 cmH₂O).
  • Kontrolle der Lungenreexpansion, ggf. weitere Drainage.
  • Standardgerechter Verschluss der Thorakoskopie-Inzisionen.

46.5.6 6. Wiederholungsschemata

  • Je nach Studienprotokoll:
    • einmalige Gabe im Rahmen eines Phase-I-Designs (Fokus auf Dosis-Eskalation und Sicherheit) [2]
    • oder wiederholte Applikation im Abstand von etwa 6 Wochen bei erneuter Symptomatik bzw. Ergussrezidiv [1].

46.6 Typische Parameter einer pressurisierten intrathorakalen Aerosolchemotherapie

Parameter Typische Ausprägung
Zugang VATS mit 2 Trokaren (ca. 10–12 mm)
Druck in der Pleurahöhle ca. 8–12 mmHg CO₂
Temperatur intrathorakal normotherm bis moderat hypertherm (ca. 39 °C)
Grundchemotherapeutikum Cisplatin
Typischer Dosisbereich Cisplatin etwa 7,5–70 mg/m² je nach Protokoll
Zusatzchemotherapeutikum (optional) z. B. Doxorubicin in reduzierter Dosis
Trägervolumen ca. 150–200 mL NaCl 0,9 %
Expositionszeit ca. 30 Minuten Steady-State
Wiederholbarkeit je nach Protokoll einmalig oder in 6-wöchigen Intervallen
Table 46.1: Typische Bereiche für technische und pharmakologische Parameter der pressurisierten intrathorakalen Aerosolchemotherapie [1, 2]

Im Text kann bei Bedarf auf „siehe Tabelle Table 46.1” verwiesen werden.


46.7 Intraoperative Komplikationen & Management

  • Hämodynamische Instabilität
    • Ursachen: CO₂-Pneumothorax, intrathorakaler Druck, systemische Resorption von Cisplatin, Temperaturveränderungen.
    • Therapie: Anpassung des CO₂-Drucks, Volumentherapie, Vasopressoren, ggf. Verkürzung oder Abbruch der Expositionsphase [2].
  • Ventilationsprobleme
    • Tubusfehlposition, Desaturationen bei Einlungenventilation.
    • Maßnahmen: Lagekontrolle des Doppellumentubus, temporäre bilaterale Ventilation, Anpassung von PEEP/FiO₂.
  • Aerosol-/Chemoleckage
    • Risiko bei undichten Trokaren oder Anschlüssen.
    • Prävention: Ballontrokar, Fixation, Checkliste vor Start der Aerosolgabe [1].
    • Management: sofortige Unterbrechung, Dekontamination, ggf. Protokollabbruch.
  • Blutung/Organverletzung
    • Standardrisiko der VATS (Gefäße, Lunge, Zwerchfell).
    • Konsequente Hämostase vor Beginn der Aerosolphase, gute Visualisierung aller Instrumente.

46.8 Postoperatives Management

  • Überwachungsniveau
    • je nach Komorbidität und intraoperativem Verlauf:
      • Aufwachraum mit erweiterten Monitoringoptionen bis hin zu IMC/Intensivstation für 24 h, insbesondere bei höherdosiertem Cisplatin und Hyperthermie [2].
  • Nierenfunktion & Flüssigkeit
    • engmaschige Bilanzierung der Diurese (Ziel z. B. ≥ 0,5–1 mL/kg/h)
    • tägliche Kontrolle von Kreatinin, Elektrolyten, ggf. mehrmals in den ersten 48–72 h
    • Vermeidung weiterer nephrotoxischer Substanzen wenn möglich.
  • Schmerztherapie & Atemtherapie
    • Nutzung von Regionalanästhesie + systemischer Analgesie.
    • Frühmobilisation, Atemphysiotherapie, Incentive-Spirale zur Vermeidung von Atelektasen.
  • Drainagemanagement
    • tägliche Dokumentation von Fördermenge, Farbe, Luftleck.
    • Entfernung bei geringer Fördermenge und vollständiger Lungenentfaltung.
  • Arbeitsschutz nach der OP
    • beim Umgang mit Drainagen:
      • Schutzkittel, doppelte Handschuhe, Schutzbrille
      • geschlossene Entsorgungssysteme für Sekrete
    • Dauer der verstärkten Maßnahmen: mindestens 24–48 h (lokale Richtlinien).

46.9 Nachsorge & Kontrolle

  • Kurzfristige Kontrollen
    • Klinische Symptomatik (Dyspnoe, Thoraxschmerzen; z. B. numerische Rating-Skalen) vor und nach dem Eingriff.
    • Röntgen-Thorax bzw. CT zur Beurteilung:
      • Rest-/Rezidiverguss
      • Pleuraspalt, Pneumothorax, Atelektasen [2].
  • Mittel- und Langzeitnachsorge
    • onkologisch nach Leitlinie der Grunderkrankung (Systemtherapie, Bildgebung, Labor).
    • Fokussierte Frage nach Spättoxizität:
      • Nierenfunktion, Neuropathie, Hörminderung (Cisplatin).
    • Erneutes Tumorboard bei Rezidiverguss:
      • erneute lokale Maßnahme (Pleurodese/Katheter ± erneute Aerosoltherapie im Studienrahmen)
      • rein palliative Symptomkontrolle.

46.10 Komplikationen & Prognose

46.10.1 Typische Komplikationen

  • Frühkomplikationen
    • Pneumonie, Atelektasen
    • prolongiertes Luftleck, Pleuraspalt
    • Wundheilungsstörungen
    • Übelkeit, Erbrechen, Fatigue
    • vorübergehende Nierenfunktionsverschlechterung [2].
  • Spätkomplikationen
    • postthorakoskopisches Schmerzsyndrom
    • persistierende Ventilationseinschränkung
    • Spätnephrotoxizität bei kumulativer Platindosis.

46.10.2 Prognostische Einordnung

  • Aktuelle Daten (kleine Serien, frühe Phase-I/II-Studien) zeigen:
    • technisch machbares und prinzipiell sicheres Verfahren bei sorgfältiger Patient:innenauswahl [1, 2].
    • Besserung von Dyspnoe und Kontrolle des Pleuraergusses in einem relevanten Anteil der Patient:innen [1].
  • Keine belastbare Evidenz für einen gesicherten Überlebensvorteil;
    • Schwerpunkt liegt derzeit auf Symptomkontrolle, pharmakokinetischer Charakterisierung und möglichen immunologischen Effekten [2].
  • Die pressurisierte intrathorakale Aerosolchemotherapie ist daher:
    • Add-on zu etablierten lokalen Verfahren (Pleurodese/Katheter)
    • integraler Bestandteil von Studienkonzepten, nicht von Standardleitlinien.

46.11 Literatur

1.
Drevet G, Maury J-M, Bakrin N, Tronc F (2020) Technique of pressurized intrathoracic aerosol chemotherapy for malignant pleural effusion. Pleura and Peritoneum 5(4):20200129. https://doi.org/10.1515/pp-2020-0129
2.
Chriqui L-E, Abdelnour-Berchtold E, Zanfrini E, et al (2024) Phase i clinical trial testing the dose escalation and expansion of pressurized intrathoracic hyperthermic aerosol cisplatin administration for the management of pleural carcinosis. Cancer Treatment and Research Communications 42:100858. https://doi.org/10.1016/j.ctarc.2024.100858